Paired Reading

In unserem Buch deuten wir diese Methode an und verweisen auf ein Buch von Cornelia Rosebrock und Daniel Nix „Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung“. Hier kommt ein Auszug aus dem Dokument, in dem das Verfahren genauer beschrieben wird.

„Paired Reading“ oder „Paar-Lesen“ – Lautlesen mit einem Lese-Lotsen

„Bei dem anderen Grundprinzip der Lautlese-Verfahren, dem Begleitenden Lautlesen, wird nicht primär auf Wiederholung, sondern auf die positive Wirkung eines kompetenteren Lesemodells gesetzt, das zusammen mit dem weniger gut lesenden Schüler Texte gemeinsam vorliest. Der kompetentere Leser demonstriert dabei, welche Lesegeschwindigkeit dem Text angemessen ist und welche Satzteile wie sinnvoller Weise betont werden müssen. Außerdem achtet er auf sinnentstellende Lesefehler des schwächeren Lesers und spricht mit ihm über das Gelesene. Bei der Durchführung des Begleitenden Lautlesens im Unterricht empfiehlt es sich, Paare aus gut lesenden und weniger gut lesenden Schülern zu bilden, die zusammen üben. Dabei sind verschiedene Varianten der Grundidee denkbar: Tutor und Tutand können die Textstellen abwechselnd

vorlesen, d. h. der bessere Leser liest eine Passage vor und der schwächere Leser wiederholt das Gelesene. Der Tutor kann auch an bestimmten Stellen schlagartig mit der Lektüre aussetzen und den Tutanden die laute Lektüre übernehmen lassen.

Eine sehr effektive Umsetzung des Begleitenden Lautlesen stellt das von Keith Topping (1989; 1995) entwickelte »Paired Reading« dar (vgl. nachfolgende Kästen). Die Besonderheit des Verfahrens besteht darin, dass das Vorlesen in Form kooperativen Lernens der Schüler im Unterricht durchgeführt wird: Gute Leser(innen) (»Tutoren«) werden von der Lehrperson zusammen mit schwächeren Leser(inne)n (»Tutanden«) zu Lese-Tandems gruppiert, in denen frei gewählte einfache Texte synchron (»im Chor«) laut vorgelesen werden. Der etwas kompetenter Lesende fungiert somit als Lesemodell, das die Texte korrekt, mit einer möglichst angemessenen Geschwindigkeit und adäquaten Betonung vorlesen kann und auf diese Weise den Lesefluss des Schwächeren unterstützend begleitet. Das Ziel des Verfahrens besteht darin, den schwächeren Leser mehr und mehr dazu zu befähigen, möglichst lange Textpassagen fehlerfrei und flüssig vorzulesen. Weiterhin werden reflexive Prozesse geschult, da der Tutand auf seine Lesefehler achten muss und der Tutor die komplexe Aufgabe bewältigen muss, seinen eigenen Leseprozess in der Unterrichtssituation zu überdenken und zu modellieren. Signifikante Effekte auf die Leseflüssigkeit – aber auch das Leseverstehen – der Schüler(innen) sind nach den vorliegenden Forschungsergebnissen zu erwarten, wenn das Paired Reading über einen Zeitraum von mindestens acht Wochen drei mal pro Woche für fünfzehn bis zwanzig Minuten durchgeführt wird. Die Dauer von maximal zwanzig Minuten pro Übungseinheit sollte ernst genommen werden, weil dieses Training hohe Konzentrationsleistungen erzwingt und die Schüler(innen) bei einer längeren Trainingszeit überfordert werden. Zudem würde durch die Ausdehnung der Übungszeit das gesamte Verfahren für die Schüler langweilig.

Paired Reading nach Keith Topping

Das »Paired Reading« ist ein von dem amerikanischen Leseforscher Keith Topping (1989; 1995) entwickeltes Lautlese-Verfahren zur Steigerung der Leseflüssigkeit (»Fluency«). Durch fortlaufende empirische Erforschung des Verfahrens wurde von Topping und Team die folgende formalisierte Routine entwickelt, die einen – auch für die Schüler – effektiven, strukturierten und einfach zu handhabenden Einsatz der Methode im (Lese-)Unterricht gewährleistet: Der Lehrer bildet Lesepaare, die jeweils aus besser (»Tutoren«) und schlechter lesenden (»Tutanten«) Schüler(innen) bestehen. Tutor und Tutand sitzen in der Übungssituation mit nur einem Text dicht nebeneinander, so dass der Text für beide Schüler gut einzusehen ist. Auf ein Zeichen hin (»eins – zwei – drei!«) beginnen beide Partner mit der synchronen halblauten Lektüre des Textes. Der Tutor kann die Zeile mit dem Finger mitführen. Neben dieser grundlegenden Handlung des gemeinsamen Synchronlesens verlangt die Methode zwei weitere Regeln: Bei Verlesungen des Tutanden greift eine erste Verbesserungsroutine: Der Tutor räumt eine Selbstkorrekturfrist von ca. vier Sekunden ein, innerhalb derer der Tutand Lesefehler verbessern kann. Das synchrone Lesen wird dann am Satzanfang wieder aufgenommen. Findet keine Selbstkorrektur statt, deutet der Tutor auf das falsch gelesene Wort, liefert die korrekte Aussprache und stellt bei sichtbaren Unsicherheiten und schwierigen Wörtern – ggf. unter Zuhilfenahme externer Quellen (Wörterbücher, Rückfrage bei der Lehrperson usw.) – sicher, dass der Tutand die Bedeutung des jeweiligen Wortes verstanden hat. Der Tutand wiederholt die richtige Aussprache des Wortes und das gemeinsame Lesen geht am Satzanfang weiter. Die zweite Regel, die Alleine-Lesen-Routine, greift dann, wenn der Tutand längere Zeit ohne Fehler liest und sich – ermuntert durch entsprechendes Lob des Tutors – zunehmend sicherer fühlt. Er gibt dem Tutor dann ein zuvor verabredetes Signal (z. B. leichtes Anstupsen), worauf dieser mit dem Vorlesen aussetzt und unter Beibehaltung der Fingerführung so lange leise mitliest, bis der Textabschnitt erfolgreich bewältigt wurde, oder bis aufgrund eines Lesefehlers die beschriebene Verbesserungsroutine wieder einsetzt.

Eine weitere Möglichkeit der Umsetzung des Begleitenden Lautlesens besteht in technischen Realisierungen: Die Schüler(innen) können Hörbücher hören und begleitend den Text dazu mitlesen. Danach üben sie die gehörten Abschnitte einzeln so zu lesen, dass sie die Unterstützung über die Kopfhörer nicht mehr benötigen. Hinsichtlich der Texte, die bei den Lautlese-Verfahren zum Einsatz kommen, empfiehlt die Forschung, die Schüler selbst Lektüren auswählen zu lassen, um sie zu motivieren. Allerdings sollte das Material sich an der Lesekompetenz der Tutanden orientieren, damit diese sich überhaupt mit Gewinn an dem Verfahren beteiligen können. Da gerade schwache Leser(innen) mit dieser adäquaten Auswahl oftmals Probleme haben und ihre Lesefähigkeit falsch einschätzen, hat es sich in der Praxis durchaus bewährt, passende Texte in Form eines Readers zusammenzustellen (vgl. nachfolgenden Kasten).

Lautlese-Tandems

Die Lautlese-Tandems stellen eine Adaptation des oben beschriebenen »Paired Reading« für den deutschen Sprachraum dar. Sie wurden innerhalb des Projektes »Leseflüssigkeit« an der Johann Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt am Main als Fördermethode zur Steigerung der Fluency von Hauptschüler(innen) der sechsten Jahrgangsstufe mit signifikantem Erfolg eingesetzt (vgl. Trenk-Hinterberger et al., 2007). Die im Kasten auf S. 42 dargelegte Routine wird dabei mit zwei Neuerungen durchgeführt. Zum einen wird das Verfahren in eine Rahmenhandlung eingebunden, bei der der sportliche Charakter des Lese-Trainings stark gemacht wird: Genau so, wie Sportler sich nur durch intensives Training verbessern können, brauchen auch »Lese-Sportler« anhaltende Übung, um sich im Lesen zu steigern. Dieser Gedankengang ist den meisten Schüler(inne)n sofort einsichtig, so dass von hier aus auch die Rollenverteilung in den Tandems ohne soziale Stigmatisierung erfolgreich bewältigt werden kann: Die schwächeren Leser nehmen hierbei die Rolle des »Lese-Sportlers« (= Tutand) ein, der von einem »Lese-Trainier« (= Tutor) trainiert wird. Die Einteilung in Trainer und Sportler erfolgt nach einem einfachen Lesegeschwindigkeitstest, wie er auch von Bamberger (2000) angewendet wird. Die kooperative soziale Grundeinstellung (Trainer ist für seinen Sportler verantwortlich; Sportler muss auf seinen Trainer hören usw.) sowie die einzelnen Schritte der Leseroutine werden auf einem Poster festgehalten und in der Klasse aufgehängt. Jedes Tandem nimmt dann an einer Art »Lesemeisterschaft« teil, bei der das beste Team gewinnen kann. Die Erfahrung in den Schulklassen zeigt, dass sich die Sportmetaphorik hervorragend zur Umsetzung des Verfahrens geeignet. Die zweite Neuerung betrifft das Textmaterial. Da schwache Leser(innen) häufig erhebliche Schwierigkeiten haben, einen Text auszuwählen, der ihrer Lesekompetenz entspricht, wurden im Projekt Reader zu verschiedenen »Trainingsetappen« zusammengestellt, in denen einfachere Sach- und literarische Texte zu lustigen, spannenden, phantastischen und informativen Themen abschnittsweise und in ein gut lesbares Schriftbild gesetzt vorlagen. Die Schüler mussten im Team jeden Abschnitt mindestens viermal zusammen lesen und in einem Kontrollfeld für jede Lektüre einen Haken machen. Insofern wurde im Projekt eine Kombination aus Wiederholten und Begleitenden Lautlesen praktiziert. Bevor der nächste Abschnitt im Reader vom Team gelesen werden durfte, musste der Lehrperson vorgelesen werden, die beurteilte, ob der Vortrag angemessen war (entsprechende Kriterien finden sich bei Ockel, 2000). Dann bekam das Tandem einen Stempel für die erfolgreiche Bewältigung des Abschnittes und las sich auf diese Weise durch das Übungsheft.“

Auszug aus Rosebrock, Cornelia / Nix, Daniel: Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung, 2., korr. Aufl., Hohengehren 2008, S. 41-44.