Das größte Bauprojekt der Welt von Alexander Godulla, P.M.-Magazin, 11/2010 Wächst bald zusammen, was vor 10.000 Jahren schon einmal zusammengehörte? Die Beringstraße, das Meer zwischen Amerika und Asien, soll mit gigantischem Aufwand überbrückt werden. Dafür gibt es bereits die aberwitzigsten Pläne. Chicago im Jahr 2050. Am größten Eisenbahnknotenpunkt der Welt treffen stündlich Züge aus Peking ein. An Bord: unzählige Waren, die nonstop in wenigen Tagen von Asien nach Nordamerika rollen. Über 10.000 Kilometer erstreckt sich eine Eisenbahnlinie zwischen beiden Städten. Ihr Zentrum bildet die Beringstraße – eine Meerenge zwischen Alaska und Sibirien, unter der in 80 Meter Tiefe ein Tunnel hindurchgetrieben wurde. Noch ein halbes Jahrhundert zuvor stand es denkbar schlecht um die Zukunft dieses Projekts. Russlands damaliger Verkehrsminister verkündete im Januar 2001 voller Skepsis: »Wir gehen eher zum Mars als nach Alaska.« Und heute? Kritiker des Beringstraßenprojekts verweisen auf die gigantischen Kosten von 50 Milliarden Euro, die der Brückenschlag zwischen den Kontinenten mindestens verschlingen wird. Hinzu kommen eisige Tiefsttemperaturen von minus 50 Grad Celsius, was Bauarbeiten mehr als die Hälfte des Jahres über unmöglich macht. Trotzdem drängen Investoren in aller Welt auf den ersten Spatenstich. Sie wollen Waren zwischen Asien und Nordamerika nicht mehr zeitraubend auf schwerfälligen Containerschiffen transportieren, sondern sie direkt in Hochgeschwindigkeitszügen um den Globus jagen. Experten rechnen pro Jahr mit Gütern im Gewicht von 70 Millionen Tonnen, die auf der Schiene bis zu zwei Wochen früher als mit dem Schiff ihr Ziel erreichen könnten. Auch wenn für das Projekt Beringstraße noch kein Starttermin feststeht, präsentieren Architekten schon jetzt spektakuläre Entwürfe. Mit rund 100.000 Euro prämierte die Internationale Vereinigung der Architekten im Jahr 2010 bei einem Ideenwettbewerb Entwürfe, die Alaska und Sibirien besonders überzeugend verbanden. Das Resultat waren fantasievolle Konzepte – mit künstlichen Inseln als Brückenfundamenten oder transparenten Tunneln aus Panzerglas. Unabhängig von ihrer jeweiligen Vision bauen alle Planer auf eine geografische Besonderheit der Region: Granit. Der Meeresboden unterhalb der Beringstraße besteht größtenteils aus dem robusten Gestein. Wer hier einen Tunnel bohrt, muss nicht ständig mit einem Einsturz rechnen – die Wände tragen sich praktisch selbst. Damit rechnen auch Architekten des kanadischen Büros Lateral Office, die sich am Wettbewerb beteiligt haben. Ihr aussichtsreicher Entwurf führt Autos und Züge auf verschiedenen Ebenen einer Tunnel-Brücken-Kombination durch die Beringstraße. Dabei bezieht es die im Zentrum der Beringstraße gelegenen Diomedes-Inseln mit ein. Die Zwillingsinseln teilen die 85 Kilometer von Küste zu Küste ziemlich genau in zwei Hälften. Zwischen den beiden Inseln plant Lateral Office eine vier Kilometer lange Brücke; die verbleibende Distanz sollen zwei Tunnel unter dem Meeresboden überwinden. Die Architekten von Lateral Office waren schon am Bau des Eurotunnels zwischen England und Frankreich beteiligt. Allerdings wurde die damals geplante Geldsumme um atemberaubende hundert Prozent übertroffen – am Ende betrugen die Baukosten 15 Milliarden Euro. Obwohl für die Beringstraße weit mehr als der dreifache Betrag angesetzt wird, könnte es auch hier zu einer finanziellen Katastrophe kommen. Der Grund dafür liegt nicht auf dem Boden der Beringstraße, sondern im angrenzenden Niemandsland. Mit 2,9 und 0,4 Einwohnern pro Quadratkilometer sind Sibirien und Alaska sehr dünn besiedelt. Entsprechend kümmerlich ist das Straßen- und Schienennetz. Rund zweitausend Kilometer Schienen müssten hier auf ständig gefrorenem Boden verlegt werden, damit die Züge zwischen den Kontinenten fahren können. Außerdem konnten weder russische noch amerikanische Eisenbahn-Ingenieure ahnen, dass ihre Züge eines Tages im jeweils anderen Land fahren würden. Das Problem dabei: Die Spurweite (Breite des Gleises) unterscheidet sich um stolze achteinhalb Zentimeter. Wie ein Zug gleichzeitig für Asien und Nordamerika fit gemacht werden kann, ist derzeit völlig unklar. Abseits solcher Detailfragen fordern Politiker immer wieder, den Tunnel unter der Beringstraße auch als Chance für den Weltfrieden zu begreifen. Einer von ihnen war Alaskas zweimaliger Gouverneur Walter Hickel. Bis zu seinem Tod im Mai 2010 plädierte er für dieses »Weltwunder«. Sein Motto: »Der Preis des Fortschritts muss nicht Blut sein, er kann auch aus Schweiß bestehen. Großprojekte sind die Alternative zum Krieg.« Weil dieses Bindeglied neben einer Autobahn und der Spur für Hochgeschwindigkeitszüge auch eine Gas-Pipeline beinhalten soll, könnten die Profite in Dollar und Rubel reichlich sprudeln. Russland hätte Gelegenheit, die USA direkt mit Gas zu beliefern und so seinen riesigen Rohstoffreichtum in hartes Geld umzumünzen. Dabei muss es nicht bis 2050 dauern, ehe der erste Zug von Peking nach Chicago rollt: Je nach Entwurf rechnet die russische Wissenschaftsakademie mit gerade einmal zehn bis 15 Jahren Bauzeit, ehe sich die Beringstraße vom einstigen Ende der Welt in ihren wichtigsten Handelsweg verwandelt.
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