Vorausschau

Im Buch (S. 211) haben wir dir für die Vorausschau eine ausführlichere Liste „zum Abhaken“ versprochen. Diese Punkte sind hier beschrieben.

Einige Teile sind wörtlich oder auch sprachlich vereinfacht dem Buch von C. Rosebrock/D. Nix, Grundlagen der Lesedidaktik, Hohengehren, 2008, S. 64, entnommen, aber um der besseren Lesbarkeit willen nicht als Zitat gekennzeichnet.

Eine Vorausschau läuft nach einem bestimmten Muster ab, das du immer wieder anwenden kannst – wie eine Gebrauchsanweisung. Das sind die erwähnten Standard-Gesichtspunkte, mit denen du an das Buch heran gehst:

  • Als erstes liest du bewusst den Namen des Autors und überlegst, ob du schon etwas über ihn weißt oder einen anderen Text von ihm kennst. Finde heraus, ob der Autor noch lebt bzw. wann er gelebt hat und auch, welcher Nationalität er ist. Oft stehen Informationen zum Autor auf den ersten Seiten des Buchs. Dort  erfährst du bereits, welche Rolle er bei diesem Thema spielt. Für deine eigene Einschätzung eines Buchs kann es wichtig sein, ob ein Chinese über China berichtet oder ein Amerikaner.
  • Auch den Titel eines Buchs solltest du aufmerksam zur Kenntnis nehmen. Oft ist er so formuliert, dass sich darin eine Frage, eine Behauptung oder ein Problem äußert. Diese Zuspitzungen könnten dich anregen, wenn du dein Thema kaum kennst. Denn damit wird dir vielleicht schon eine zentrale Problematik „serviert“.
  • Gibt es einen „Klappentext“? Er befindet sich auf der Innenseite des Umschlags oder auf der Rückseite eines Buchs, manchmal auch auf dem ersten Blatt im Buch. Darin ist der Inhalt kurz zusammengefasst. Diesen Text sollte man lesen, weil es die kürzeste Einführung in das Buch überhaupt ist (neben der Beschreibung bei amazon o.ä.). Allerdings ist dies zugleich ein Werbetext des Verlags. Also mit kritischem Blick lesen! Frag dich später nach der Lektüre, ob die „Ankündigung“ dieses Klappentextes wirklich stimmte.
  • Auf dem ersten Blatt des Buchs (manchmal auf dem zweiten) findest du das Impressum. Dort werden Erscheinungsort, Erscheinungsjahr und die Auflage des Buchs angegeben. Aus allen diesen Daten lassen sich Schlussfolgerungen ziehen. Für dich ist das noch nicht so einfach, weil deine geschichtlichen und literarischen Kenntnisse vermutlich noch nicht so groß sind. Aber du kannst dir sicher vorstellen, dass ein Text aus dem Jahr 1975 über Umweltprobleme anders beurteilt werden muss als ein Artikel von heute zu demselben Thema. Das ist nicht abwertend gemeint. Vielleicht hat der Autor von 1975 sehr vieles schon vorausgesehen? Oder hat er sich geirrt? Jedenfalls liest man ein älteres Buch anders als ein kürzlich erschienenes. Für deine Bewertung des Inhalts sind solche Überlegungen wichtig. Die Auflage eines Buchs sagt etwas aus darüber aus, wie bekannt und beliebt es ist. Eine hohe Auflage könnte ein Hinweis darauf sein, dass das Buch gut ist. Aber trau dir immer ein eigenes Urteil zu!
  • Das Inhaltsverzeichnis solltest du genau lesen. Es vermittelt einen Eindruck von den Themen und dem Aufbau des Buchs. Ist es sehr ausführlich, dann lies zuerst alle Hauptüberschriften – und danach alle Überschriften der untergeordneten Kapitel. Vielleicht entdeckst du dabei schon bestimmte Teile, die für dich wichtig bzw. unwichtig sind. Dann weißt du sogleich, was du beim Lesen weglassen wirst.
  • Wenn es ein Literaturverzeichnis gibt, lies dir in Ruhe die Titel durch. Vielleicht entdeckst du dabei, dass „dein“ Autor bereits andere Bücher zu deinem Thema geschrieben hat. Oder du merkst plötzlich, dass dir das wichtigste Buch eigentlich noch fehlt! Die Titel der Bücher könnten dich auch auf neue Gedanken bringen – oder auf eine Idee, wie du zum Schluss dein Referatsthema formulierst.
  • Manche Bücher haben am Schluss ein Sachregister. Geh kurz die Stichworte durch: Findest du Begriffe, die du erwartest? Erhältst du neue Anregungen? Manche Begriffe sind vielleicht zu deinem Erstaunen gar nicht vorhanden. Aber vielleicht sind ihnen ganze Kapitel gewidmet? Dann werden sie nämlich im Sachregister nicht mehr extra aufgeführt.
  • Diese Betrachtungen gehören schon zu deiner normalen Arbeitsroutine? Gut! Aber das, was jetzt kommt, ist vermutlich doch neu. Nun gehst du an den Anfang des Buchs und blätterst es von vorn nach hinten durch – Seite für Seite. Auf jede Seite schaust du nur ganz kurz, vielleicht fünf bis sieben Sekunden.
    Dabei achtest du auf Struktur und Aufbau des Textes:

    • Wie ist der Text gegliedert (z.B. Einleitung, Hauptteil, Schluss)
    • Welche Unterkapitel mit welchen Überschriften gibt es?
    • Kann ich bereits bestimmte Schlüsselwörter und -begriffe erkennen, die in dem Text eine wichtige Rolle spielen?
    • Gibt es vielleicht am Kapitelende oder -anfang immer eine Zusammenfassung?
    • Wie umfangreich ist der Text?
    • Bei Erzähltexten: Welcher Gattung gehört der Text an (Märchen, Kriminalroman, Gedicht…), und was weiß ich über diese Textsorten?
    • Bei Sachtexten: Welchem Wissensbereich gehört der Text an? Wie ist er aufgebaut? Ist er von einem Wissenschaftler geschrieben oder von einem Journalisten oder?
  • Auf diese Weise nimmst du das komplette Buch zur Kenntnis – bis zum Schluss. Wir behaupten allerdings nicht, dass du nun den Inhalt kennst. Das wäre schön! Aber dein Gehirn nimmt bei diesem kurzen Blick auf die Seite schon unglaublich viel auf: Du siehst, wie lang die Kapitel sind, ob es Zusammenfassungen gibt, Bilder, Tabellen oder kleine Kästen mit wichtigen Informationen. Die fett oder kursiv gedruckten Wörter fallen dir sofort auf – ebenso bestimmte Schlüsselwörter, die immer wieder auftauchen.
  • Wichtig ist, dass du diesen Prozess des Durchblätterns nicht unterbrichst. An interessanten Stellen festlesen kannst du dich später immer noch. Auch markieren solltest du jetzt noch nichts. Wenn du unbedingt eine Stelle „festhalten“ möchtest, klebe dir einen kleinen Haftzettel hinein – und dann geht es weiter! Diesen Sprint durch das Buch solltest du wirklich „in einem Rutsch“ vornehmen, dann ist er effektiv. So bekommst du ein Gefühl dafür, wie das Buch „gewachsen“ ist. Dazu tragen auch deine Hände bei, mit denen du das Buch „begreifst“. Vielleicht ist es schwer vorstellbar – aber das Anfassen der Seiten unterstützt dich darin, mit dem Inhalt vertraut zu werden.
  • Zum Schluss der Vorausschau hast du eine Erwartungshaltung für den Text aufgebaut, die dir bei dem verstehenden Lesen sehr hilft. Auch deine Lesegeschwindigkeit kannst du auf diese Weise flexibel gestalten. Denn durch die Vorausschau weißt du schon, welche Teile du nicht gründlich zu lesen brauchst, wo du schnell über einen Absatz hinweg fliegen kannst oder welche Teile du sogar wiederholt lesen musst. Wenn du so vorgehst, ist dein Leseprozess insgesamt sicher schneller als ohne Vorausschau!