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Improved-Reading-KW II von IV: Schwierige Fachtexte effizient lesen

Lesen Sie häufig juristische, philosophische, naturwissenschaftliche oder andere Fachtexte von hohem Schwierigkeitsgrad? Vielleicht haben Sie festgestellt, dass hier die Neigung zum Wort-für-Wort-Lesen, Zurückspringen und Mithören jedes einzelnen Wortes größer ist als bei einfachen Texten. Dies sind die sechs Grundprinzipien, mit denen Sie schwierige Texte besser bewältigen:

  1. Vorausschau
  2. Tempowechsel
  3. Mehrfach lesen
  4. Erst verstehen, dann bewerten
  5. Wortschatz erweitern
  6. Pausen machen

1. Vorausschau

VorausschauDie Vorausschau dient dazu, Ihr Interesse am Text zu überprüfen und ggf. Ihre Fragen und Ziele zu formulieren. Ob in Form von Vorab-Eindrücken, Teilerkenntnissen, groben Ideen, Motivations-schüben oder bloß einigen „aufgeschnappten“ Fachwörtern oder Namen – der gedankliche Beitrag der Vorausschau stimmt Sie auf eine angemessene Bewältigung der „schweren Brocken“ ein.

Je schwieriger der Text, desto intensiver und länger sollte die Vorausschau sein (aber setzen Sie sich ein Zeitziel und achten Sie darauf, nie in „Lesen“ zu verfallen!). Ergänzen Sie die Vorausschau ggf. durch die Technik des Absatzspringens, um den meist systematischen Aufbau von Fachtexten zu nutzen. Sie können auch zuerst den Anfang und den Schluss eines Textes sichten und darauf aufbauend Ihre Fragen und Ziele formulieren. Das anschließende Lesen des Textes richten Sie streng auf die von Ihnen gewünschten Antworten aus. Eventuell können Sie das Lesen dann auf ein bloßes „Scannen“ der gesuchten Begriffe oder Namen reduzieren.

Bringen Sie vor allem ein wenig Abwechslung hinein und betreiben die Vorausschau vielleicht als ein spielerisches Blättern und „Schmökern“ am Ende eines Arbeitstages (zur Vorbereitung des nächsten) oder in Phasen niedriger Motivation, wenn Sie bei anderen Themen gerade nicht vorankommen.

2. Tempowechsel

Tempowechsel beim LesenDie Vorausschau hilft Ihnen dabei, Ihre Geschwindigkeit beim Lesen zu differenzieren, weil Sie schon wissen, wo die Stoppschilder stehen und wo Sie „grünes Licht“ erwartet. „Beschleunigen“ und „bremsen“ Sie wie beim Auto- oder Fahrradfahren – auch ein schwieriger Text kann einfache, vertraute oder weniger wichtige Passagen enthalten, die Sie schneller bewältigen. Sie gleichen damit den Zeitaufwand für die komplizierten Absätze aus.

Zu Anfang eines Absatzes empfiehlt es sich übrigens, etwas langsamer zu lesen, weil hier oft die Hauptgedanken zusammengefasst sind. Signalwörter wie „aber“, „dennoch“ oder „demgegenüber“ können beim Lesen wie eine Art „Tempolimit“ funktionieren, denn sie weisen auf den Beginn eines neuen Gedankens hin. Bei Wendungen wie „mit anderen Worten“, „zur Erinnerung“ oder „um es noch einmal zu betonen“ wissen Sie schon, dass jetzt derselbe Gedanke wiederholt wird, und Sie können ein wenig beschleunigen.

3. Mehrfach lesen

Gerade für die schwierigen Texte gilt: Lieber mehrmals zügig als einmal ganz langsam! Bezwingen Sie den gewohnheitsmäßigen Anspruch, alles auf Anhieb perfekt bewältigen zu müssen: Nehmen Sie sich die Freiheit, einen Text oder zumindest einen einzelnen Absatz erst einmal vollständig durchzugehen. Lassen Sie sich überraschen, welche Inhalte Sie ohne Regression und ohne zu verweilen bereits bei dem ersten Durchgang verstehen und wie viele Unklarheiten sich durch die konsequente Orientierung nach vorn von selbst auflösen. Wenn Sie sich in einer Textpassage mit dieser Vorgehensweise extrem unwohl fühlen, markieren Sie einfach die Stelle am Rand und kommen ggf. später darauf zurück. Bei besonders schwierigen Texten gehen Sie am besten Absatz für Absatz vor – jeweils erst schnell, dann (bei Bedarf) noch einmal langsamer lesen.

4. Erst verstehen, dann bewerten

Erst verstehen, dann bewerten von TextenVersuchen Sie, die Gedanken des Autors möglichst genau nachzuvollziehen, bevor Sie sie kritisieren, kommentieren oder nach ihrer Wichtigkeit einstufen. Sie können den Prozess des Nachvollziehens von dem der Bewertung sehr leicht mithilfe zweier unterschiedlicher Markierungsvorgänge trennen: Das Hervorheben der Grundgedanken des Textes sollten Sie frühestens nach dem Lesen eines ganzen Absatzes vornehmen. Sofortiges Unterstreichen beim Lesen lenkt ab und verleitet dazu, viel zu viel zu unterstreichen. Wenn Sie in jedem Absatz nur den Hauptgedanken unterstreichen, schärfen Sie Ihren Blick für das Wesentliche und erleichtern ein späteres Absatzspringen/Paragraphing. Erst im nächsten Schritt, am Ende des Kapitels, bewerten Sie den Text mittels Ausrufungs- bzw. Fragezeichen oder Kommentaren/Stichworten am Rand. Am besten verbinden Sie dies mit Exzerpten oder MindMaps.

Dieses Vorgehen erleichtert es Ihnen nicht nur, den Text zu verstehen und zu durchdenken, sondern unterstützt auch Ihre Merkfähigkeit. Durch das sorgfältige Hierarchisieren der Wichtigkeitsgrade schaffen Sie die Grundlage für differenzierte Wiederholungen (z.B.: flüchtige Wiederholung = nur die Passagen mit Ausrufungszeichen berücksichtigen; gründliche Wiederholung = sämtliche Passagen mit Randbemerkungen einbeziehen). Nehmen Sie sich die Zeit für solch eine Wiederholung der Kernaussagen – denken Sie an die Kurve der Vergessensrate!

5. Wortschatz erweitern

Je schneller und systematischer Sie sich mit dem Vokabular Ihres speziellen Fachgebiets vertraut machen, desto seltener stolpern Sie beim Lesen über unbekannte Begriffe, Namen oder Abkürzungen. Gerade Fremdwörter sind häufig wichtige Sinnsignale! Am Anfang fühlt man sich von vielen unbekannten Wörtern häufig „erschlagen“, aber Sie werden bald feststellen, dass sie immer wieder vorkommen und Sie allmählich mit ihnen vertraut werden. Dann können Sie auch leichter in Sinngruppen und vorwärtsorientiert lesen – beides sind Prozesse, die einen hohen Grad an Automatisierung bei der Worterkennung voraussetzen. Beschleunigen Sie diesen Prozess, z.B. durch die aktive Nutzung des großen Fremdwörterdudens!

6. Pausen machen

Gerade bei schwierigen Texten sind häufige Pausen (wenigstens alle 90 Minuten) besonders wichtig. Im Idealfall sollten Sie nur 10-15 Minuten mit hoher Konzentration lesen, dann eine kleine Pause einlegen (kurz nachdenken, aufstehen, tief durchatmen) oder sich einer leichteren Aufgabe zuwenden (z.B. Vorausschau, Exzerpieren, Wiederholen).

Oder Sie nutzen die Pause, um 5 Minuten lang im Höchsttempo einen größeren Abschnitt eines leicht geschriebenen oder schon gelesenen Textes zu skimmen/überfliegen: eine perfekte Konzentrations-, Gehirn- und Leseübung in einem – und damit eine gute Vorbereitung auf das Knacken der „harten Nüsse“. Und es macht Spaß!

PQRST – mehrstufiger Lese- und Lernprozess

  1. Preview = Vorausschau
  2. Question = Fragen zum Text stellen, Ziele formulieren
  3. Read = Lesen des Textes, ggf. lieber mehrfach zügig als einmal langsam
  4. Summarize = Zusammenfassen: Im einfachsten Fall lediglich die wichtigsten Stellen markieren (s. Punkt 4); am besten jedoch das Gelesene
    1. mündlich zusammenfassen und – möglichst kontrovers – diskutieren oder
    2. schriftlich in eigenen Worten zusammenfassen oder
    3. eine MindMap anfertigen: die Inhalte mit nur einem Kernbegriff auf den Punkt bringen und über Verästelungen von den Haupt- zu den Nebengedanken verbinden; möglichst viele farbige und bildliche Aspekte verwenden.
  5. Test = Die Textinhalte auswendig bzw. im Gespräch rekapitulieren und die Ergebnisse anschließend mit den vorher angefertigten Notizen/Markierungen abgleichen.

Bild 1 von Conny Liegl Flickr
Bild 2 von Timothy Takemoto Flickr
Bild 3 von David Guo Flickr

Kommentierte Antworten auf die KW-Frage I: Wie erarbeiten Sie sich schwierige Texte?

a) Mehrfache Bearbeitung des Textes in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

b) Hier sollte von vorne herein nur ein sehr langsames Tempo im Bereich 150-300 WpM angestrebt werden.

c) „Chunking“ für bekannte Wortgruppen nutzen, schwierige Wörter wie Vokabeln lernen.