Transferimpuls 6: Schwierige Fachtexte effizient lesen

Schwierige Fachtexte effizient lesen

Natürlich lesen Sie anspruchsvolle Fachtexte langsamer als Zeitungstexte oder Romane. Aber glauben Sie nicht zu schnell, dass Sie diese nur dann verstehen könnten, wenn Sie sie genauso lesen wie früher! Im Folgenden geben wir Ihnen einige Tipps an die Hand, wie Sie mit solchen Texten effizienter umgehen als früher – und gleichzeitig Ihre Motivation steigern:

1. Vorausschau

Die Vorausschau dient dazu, Ihr Interesse am Text zu überprüfen und – falls dieses vorhanden ist – Ihre Fragen und Ziele zu formulieren. Ob in Form von Vorab-Eindrücken, Teilerkenntnissen, groben Ideen, Motivationsschüben oder bloß einigen „aufgeschnappten“ Fachwörtern oder Namen: Der gedankliche Beitrag der Vorausschau stimmt Sie auf eine angemessene Bewältigung der „schweren Brocken“ ein.

Je schwieriger der Text ist, desto mehr Zeit nehmen Sie sich für die Vorausschau. Setzen Sie sich möglichst ein Zeitziel, und achten Sie darauf, nicht in „echtes Lesen“ zu verfallen. Sie können die Vorausschau aber gelegentlich durch das „Anlesen“ der Absatzanfänge (Absatzspringen) ergänzen, um den systematischen Aufbau von Fachtexten zu nutzen.

Gehen Sie nicht immer streng linear vor! Oft ist es hilfreicher, von einem Text zuerst die Zusammenfassung am Ende oder den letzten Absatz zu lesen (vollständig) und dann erst (vorne beginnend) eine Vorausschau auf den gesamten Text zu machen – wenn er dann noch interessant genug für Sie ist. Das anschließende Lesen des Textes richten Sie streng auf die von Ihnen gewünschten Antworten aus.

Sie können die Vorausschau auch als ein spielerisches Blättern und „Schmökern“ am Ende eines Arbeitstages (zur Vorbereitung des nächsten) oder in Phasen geringer Motivation betreiben, wenn Sie bei anderen Themen gerade nicht vorankommen. Tipp: Wenn Ihre Unlust, mit einem Text anzufangen, gerade besonders groß ist, vereinbaren Sie mit sich, dass Sie nur ein paar Minuten Vorausschau machen – dann können Sie den Text sofort weglegen. Meist haben Sie dem Text dann aber doch einen interessanten Aspekt abgewonnen und sind ein Stück motivierter, ihn später wirklich zu lesen. Und die bereits gewonnenen Informationen „arbeiten“ unbewusst in Ihnen weiter…

Wenn Sie große Textberge vor sich haben, lohnt es zudem, erst einmal mehrere Texte hintereinanderweg „vorauszuschauen“, um einen Gesamtüberblick über die Thematik zu gewinnen. Mit diesem Voreindruck können Sie umso besser entscheiden, welche Texte Sie überhaupt lesen und in welcher Reihenfolge. Und Sie werden spüren, was für eine Erleichterung es ist, wenn Sie die Texte zumindest einmal gesichtet und dort schon „einen Fuß in der Tür“ haben.

2. Wortschatz erweitern

In der Vorausschau erkennen Sie schon, ob der Text viele unbekannte Wörter, Namen oder Abkürzungen enthält – dann lesen Sie ihn natürlich langsamer, eventuell (teilweise) sogar Wort für Wort. Je schneller und systematischer Sie sich mit dem Vokabular Ihres speziellen Fachgebiets vertraut machen, desto seltener stolpern Sie über Fremdwörter. Häufig sind diese ja auch wichtige Sinnsignale!

Wenn Sie neu in einem Thema sind, fühlen Sie sich von vielen unbekannten Wörtern oder Abkürzungen vielleicht „erschlagen“. Sie werden aber bald feststellen, dass diese immer wieder vorkommen und sie Ihnen allmählich vertraut werden. Als Biologie-Doktorand haben Sie ein Wort wie „Desoxyribonukleinsäure“ sicher ähnlich gut automatisiert wie die meisten Erwachsenen ein Wort wie „Rechnungsbetrag“ oder „Sonnenschein“. Und dann bleiben Sie auch nicht mehr stecken, wenn es vorkommt – also kein Einzelwortlesen, keine Regression.

Chunken und vorwärtsorientiertes Lesen sind Prozesse, die nur dann wirklich gut funktionieren, wenn die Worterkennung weitgehend automatisiert ist. Diese können Sie z.B. durch die aktive Nutzung des großen Fremdwörterdudens unterstützen.

Übrigens: Das Wort „Desoxyribonukleinsäure“ (oder ein vergleichbar langes Fremdwort) ist schon vom Wortbild her ausgesprochen markant. Sofern Sie es bereits automatisiert haben, genügt es Ihnen vielleicht schon, den Wortanfang „Desoxy…“ nur peripher am Ende einer Wortgruppe wahrzunehmen.

3. Tempowechsel

Die Vorausschau hilft Ihnen dabei, Ihre Geschwindigkeit beim Lesen zu differenzieren, weil Sie schon wissen, wo die „Stoppschilder“ stehen und wo Sie „grünes Licht“ erwartet. „Beschleunigen“ und „bremsen“ Sie wie beim Auto- oder Fahrradfahren – auch ein schwieriger Text kann einfache, vertraute oder weniger wichtige Passagen enthalten, die Sie schneller bewältigen. Sie gleichen damit den Zeitaufwand für die komplizierten Passagen aus.

Am Anfang eines Absatzes empfiehlt es sich übrigens, etwas langsamer zu lesen, weil hier oft die Hauptgedanken zusammengefasst sind. Signalwörter wie „aber“, „dennoch“ oder „demgegenüber“ können beim Lesen wie eine Art „Tempolimit“ funktionieren, denn sie weisen auf den Beginn eines neuen Gedankens hin. Bei Wendungen wie „mit anderen Worten“, „zur Erinnerung“ oder „um es noch einmal zu betonen“ wissen Sie schon, dass ein bereits erwähnter Inhalt wiederholt wird, und Sie können beschleunigen.

4. Mehrfach lesen –  mehrstufig vorgehen

Bezwingen Sie den gewohnheitsmäßigen Anspruch, alles auf Anhieb perfekt bewältigen zu müssen: Nehmen Sie sich die Freiheit, einen Text oder einen Absatz erst einmal vollständig durchzugehen, ohne alles zu verstehen. Lassen Sie sich überraschen, welche Inhalte Sie ohne Regression und ohne zu verweilen bereits beim ersten Durchgang verstehen. Viele Unklarheiten lösen sich im Kontext oder durch weitere Erläuterungen oder Wiederholungen im Fortgang von selbst auf. Wenn Sie sich mit dieser Vorgehensweise extrem unwohl fühlen, markieren Sie einfach die Stelle am Rand und kommen ggf. später darauf zurück. Bei besonders schwierigen Texten gehen Sie am besten Absatz für Absatz vor – jeweils erst schnell, dann (bei Bedarf) noch einmal langsamer lesen.

Wissen Sie noch, was PQRST bedeutet? Das ist das Schlüsselwort für eine umfassende, gründliche und mehrstufige Verarbeitung eines Textes, mit deren Hilfe Sie ihn auch langfristig abrufen können (Preview, Question, Read, Summarize, Test). Lesen Sie bei Bedarf noch einmal die dazugehörige Erklärung in Ihrem Arbeitsbuch oder im bei Rowohlt erschienenen „Buch zum Kurs“. Setzen Sie sich am besten für jeden einzelnen PQRST-Schritt ein Zeitziel.

5. Erst verstehen, dann bewerten

Versuchen Sie, die Gedanken des Autors möglichst genau nachzuvollziehen, bevor Sie sie kritisieren, kommentieren oder nach ihrer Wichtigkeit einstufen. Sie können das bloße „Nachvollziehen“ vom Bewerten mithilfe zweier unterschiedlicher Markierungsvorgänge trennen: Das Hervorheben der Grundgedanken des Textes nehmen Sie frühestens nach dem Lesen eines ganzen Absatzes vor. Sofortiges Unterstreichen beim Lesen lenkt ab und verleitet dazu, viel zu viel zu unterstreichen. Wenn Sie in jedem Absatz nur den Hauptgedanken unterstreichen, schärfen Sie Ihren Blick für das Wesentliche und erleichtern ein späteres Absatzspringen/Paragraphing. Erst im nächsten Schritt, am Ende des Kapitels, bewerten Sie den Text mittels Ausrufungs- bzw. Fragezeichen oder Stichworten am Rand. Am besten verbinden Sie das Markieren mit Exzerpten oder MindMaps.

Dieses Vorgehen erleichtert es Ihnen nicht nur, den Text zu verstehen und zu durchdenken, sondern unterstützt auch Ihre Merkfähigkeit. Wenn Sie bei der Bewertung nämlich die Wichtigkeitsgrade hierarchisieren, schaffen Sie die Grundlage für differenzierte Wiederholungen (z.B.: flüchtige Wiederholung = nur die ganz wichtigen Passagen mit zwei Ausrufungszeichen nochmal anschauen; gründliche Wiederholung = alle Passagen mit Ausrufungszeichen nochmal anschauen).

6. Pausen

Gerade bei schwierigen Texten sind häufige Pausen (wenigstens alle 90 Minuten) wichtig. Im Idealfall sollten Sie nur 10-15 Minuten mit hoher Konzentration lesen, dann eine kleine Pause einlegen (kurz nachdenken, aufstehen, tief durchatmen) oder sich einer leichteren Aufgabe zuwenden (z.B. Vorausschau, Exzerpieren, Wiederholen).

Nach der Pause oder zu Beginn Ihrer Lese-Session könnten Sie drei oder fünf Minuten lang im Höchsttempo einen größeren Abschnitt eines leicht geschriebenen oder schon gelesenen schwierigen Textes skimmen/überfliegen: eine perfekte Konzentrations-, Gehirn- und Leseübung sowie Augentraining in einem – und damit eine gute Vorbereitung auf das Knacken der „harten Nüsse“. Und es macht Spaß!